Kategorie: August 2016

Fremdes Land, fremde Körper

„Uns Behinderten ergeht es wie Ausländern, wo wir auch hinkommen. Immer wieder sollen wir die Landschaft unseres Körpers gegenüber Leuten rechtfertigen, die nie da waren oder es sich nur so weit vorstellen können, wie es der Behindertentourismus in Literatur, Film und Fernsehen mit immer denselben Geschichten vermittelt. Nur dass die Frage hier nicht lautet: Woher kommen Sie?, sondern: Was sind Sie und warum?“

(Emily Rapp: Versöhne den Herz. Aus dem Amerikanischen von Ina Pfitzner. Eden Books, 2014, S. 40)

Fragen über Fragen

Ich verstehe das nicht, warum Menschen ohne meine Behinderung z.B. gerne hinter mir in der Küche stehen und warten, dass sie mir Hinweise geben können oder warum sie vor der verschlossenen Klotüre stehen, während ich drinn bin, und warum darf ich meine Schuhe manchmal im Windfang hinstellen und manchmal nicht und wieso merke ich nicht, dass ich die Teller aus Bösartigkeit falsch in den Schrank stelle und was ist „absurd“ daran, wenn ich um eine Liste bitte, was ich wann tun soll?

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Vielen Dank, behaltet Eure Blumen

Oh ja, ich bin eine „Inspiration“, „bewundernswert“, „tapfer“,  an mir „kann man was lernen“ und – ja, ja, ich weiß – ihr „könntet das nicht“ und würdet das „nicht aushalten“ (geschenkt!)

Emily Rapp schreibt über ihren schwerst behinderten Sohn und über ihre eigene Behinderung:

„Es war nicht der Sinn von Ronans Leben, mich etwas zu lehren. Wie oft sagen wir das über Menschen, die unserer Auffassung von normal nicht entsprechen, doch ich empfinde es als bemitleidend, herablassend und eine Form der Distanzierung von unserer körperlichen Angreifbarkeit und Hinfälligkeit unseres Lebens. Ich glaube nicht, dass Behinderte dazu da sind, anderen Leuten etwas beizubringen – das ist nicht ihre Bestimmung; niemand hat diese Bestimmung. Wir sind nicht ‚die Behinderten‘, eine formlose, wimmelnde Masse aus nicht-normativen Körpern, die für pädagogischen Zwecke geschaffen wurden, eine Art extra dafür gezüchtete Horde von Barbaren.“

(Emily Rapp: Versöhne den Herz. Aus dem Amerikanischen von Ina Pfitzner. Eden Books, 2014, S. 126f)

Behindert sein und behindert werden

Der Terminus „Behindert werden“ trifft – je älter ich werde – immer mehr zu, denn einem Kind sieht die Gesellschaft Defizite nach, sieht fehlende Fähigkeiten als „noch nicht da“ an, bei einem Erwachsenen aber kommt die Geduld an ihr Ende: Funktioniert ein Erwachsener nicht so, wie ein Erwachsener zu funktionieren hat, treten im Alltag immer mehr Situationen auf, die ihn behindern.